WunderMensch im Chora-Verlag: Thomas Frahm ist ein Multitasking-Talent-Wunder

Von A, wie Autor bis V, wie Verleger: Thomas Frahm teilt die Zeit in tausend Teile, um so viel rund ums Schreiben, Reisen und Erzählen nebeneinander zu schaffen. Als Michael Hellwig für WunderMensch (merci, dankeschön, wie wunderbar!) ein Interview mit diesem WunderMultitasker führt, sitzen sich zwei Freunde gegenüber und reden über Thomas eigenen Verlag Chora, seine Liebe zu Bulgarien und diese wundertolle Art von Geschichten, die nur das Leben eines WunderMenschen erzählen kann. Und für euch Leseratten und Schreiberlinge da draußen serviert euch Thomas am Ende noch hilfreiche Tipps und Buchempfehlungen. Also: Lest euch rein:  🙂

WunderMensch: Thomas, wir führen dieses Interview für den Blog WunderMensch. Da stellt sich doch die Frage, was für dich ein WunderMensch ist.

Thomas Frahm: Durch das groß geschriebene M in „WunderMensch“ ist natürlich die einfache Assoziation an Wunderkinder verbaut, also der Aspekt, dass nur Genies gemeint sein könnten, deren Fähigkeiten oder Talente alles Normalmaß übersteigen und ans Wunderbare grenzen. Anna erklärt im Slogan zum Doppelwort ja auch selbst knapp: „Weil wir alle KLEINE Wunder sind.“ Da könnte man dann an das Staunen guter Naturwissenschaftler über Naturwunder denken, Grzimeks „Wunder der Serengeti“ usw., und der Mensch ist eben eines dieser Naturwunder.
Bei mir ist es auf den ersten Blick etwas komplizierter, und erst dann ganz einfach: Ich kann machen, was ich will, ich denke immer bildhaft, und erst später komme ich zu Verstand. Darum sehe ich nicht das eine Hauptwort als Attribut des anderen, sondern ich sehe da zwei Hauptworte gleichberechtigt nebeneinander stehen, die sozusagen gemeinsam was unternehmen… Und da kommt meine zweite Schwäche (oder Stärke – je nach Auffassung) ins Spiel. Ich schaffe es nicht, mich als Subjekt zu betrachten, und die Welt (oder andere Menschen) als Objekt. Darum kann ich auch nicht sagen, ob ich, der Mensch, nun ein Wunder bin, oder ob die Welt mir als Wunder erscheint, das mich staunen macht. Das wäre ja schon eine Zuordnung, eine Entscheidung, ein Vorurteil, und dabei geht die Poesie kaputt. Ich „spüre“ mich vielmehr als Teil eines Geschehens. Und weil ich als „In die Welt Eingelassener“ weder mich selbst noch die Welt richtig verstehen kann, habe ich das Gefühl, IN EINEM WUNDER ZU LEBEN.

WunderMensch: Wenn ich auf deine beruflichen Tätigkeiten schaue, die mit Worten zu tun haben, fallen mir da mindestens zwölf ein und zwar (in alphabetischer Reihenfolge): Erzähler, Essayist, Herausgeber, Journalist, Lektor, Literaturvermittler, Lyriker, Publizist, Referent, Übersetzer, Verleger, Vorleser. Wie kriegt man das eigentlich alles unter einen Hut? Und wo liegt für dich der Schwerpunkt?

Thomas Frahm: Es gibt ja zwei Auffassungen von Zeit: eine zyklische und eine lineare. Ich finde, um den Menschen und sein Erleben von Zeit verstehen zu können, muss man beide Attribute zusammennehmen: Es gibt immer eine lineare Entwicklung – das ist der Weg, den man geht. Dann es gibt Dinge, die sich zyklisch wiederholen, Wachen und Schlafen zum Beispiel, oder Sprechen und Zuhören. Eines steigt an, das andere fällt ab. Mit steigender Wachheit sinkt die Schläfrigkeit… Was meine von dir aufgezählten Tätigkeiten angeht, so haben die sich nacheinander entwickelt, teils aus dem Zwang, Geld zu verdienen, teils aus dem Wunsch oder gar Drang, etwas Bestimmtes zu tun. Als erstes: Ich war schon als Grundschüler ein großer Briefeschreiber, habe meiner Oma in den Schwarzwald seitenlange Briefe in Sütterlin-Schrift geschrieben. Dann nahmen wir in der 5. Klasse Gedichte in Deutsch durch, und ich merkte: Oh, das kann ich auch! Da kam die Lyrik. Oft, wenn ich später jemandem einen Brief schrieb, kamen da Formulierungen rein, bei denen ich dachte: „Oh, hört sich wie ein Gedicht an. Mal gucken, wie es weitergeht!“ Da ging dann das eine aus dem anderen hervor. Dann begann ich, richtige Literatur zu lesen, und mich für Philosophie zu interessieren, weil ich mich und die Welt verstehen wollte. Aber nur durch Lesen verstehe ich nicht gut; ich muss alles immer in eigenen Worten ausdrücken, es quasi selber tun, um zu spüren, wie es ist, so zu sein. Da fing das Essayschreiben an. Schließlich fing ich an, mich zu verlieben. Aber während da viele anfangen, Liebesgedichte zu schreiben, sei es aus Kummer, sei es, um den oder die Gegenseite zu beeindrucken, dachte ich: Hey, da passiert was, das ist eigentlich eine Geschichte, die sich da geheimnisvoll abspielt, oft nicht äußerlich sichtbar für andere… Spätestens, als ich dann zu Studentenzeiten in einer Literaturgruppe des Bundesverbandes junger Autor(inn)en war, merkte ich: Hm, andere können aber auch was! Da bekam ich Lust, eine Zeitschrift herauszugeben, und ich träumte davon, Bücher zu machen. Das machte ich dann bald auch. Weil aber der Mensch, der meine Bücher setzte und gestaltete, zu meinen Gestaltungsideen immer sagte: „Du, das geht so nicht. Das verstößt gegen alle Gestaltungsregeln!“, beschloss ich, selber zu lernen, wie man Bücher setzt und gestaltet. Ich war fassungslos, wie aggressiv jemand werden kann, nur weil man etwas nicht so macht, wie es üblich ist. Dabei war dieser Mann jünger als ich! Es war um 1990, das war die Zeit, da kamen gerade die ersten guten Programme für Desktop Publishing heraus. Und weil oft wunderbarerweise in meinem Leben Dinge passiert sind, wenn ich sie brauchte, flatterte plötzlich ein Brief vom Arbeitsamt ins Haus, in dem ich aufgefordert wurde, an einer Computer-Weiterbildung teilzunehmen. Genial! Da lernte ich alles, was ich brauchte. Na, so entwickelte sich halt eines nach dem anderen. Einen Schwerpunkt gibt es nicht. Um in der Welt des eigenen Wollens und Könnens frei zu schweben wie mein Lieblingsanblick, schwebende Löwenzahnbällchen über einer bunten Wiese, muss man alles selber machen können und es einsetzen, wenn es gerade vonnöten ist. Schwerpunkte sind also immer nur temporär, man geht von einem zum nächsten…

WunderMensch: Ein zentrales Thema deiner Arbeit ist Bulgarien, ein von Deutschland aus gesehen kleines Land mit einer „kleinen“ Literatur. Wie kommt man dazu, sich damit zu befassen?

Thomas Frahm: Da ich – wie eben gesagt – kein Forscher bin, sondern ein Gucker, bin ich keiner, der sucht, sondern einer, der findet. Ich fand eine Bulgarin, die sich bei einem der Treffen der jungen Autoren über meine Gedichte aufregte. Ich dachte: „Ey, geil, ne Frau, die sich über Gedichte ereifern kann!“ Drei Wochen später wohnten wir schon zusammen. Wir haben geheiratet und uns dann eigentlich zehn Jahre lang so weiter gezofft, und das half mir sehr, mehr aus mir rauszukommen und mich weiterzuentwickeln. Als die Eltern meiner damaligen Frau in Bulgarien krank wurden, in der schlimmsten Zeit nach dem Berliner Mauerfall, gaben wir hier in Deutschland alles auf, die Kinder meiner Frau waren inzwischen groß, und wir zogen in eine kleine Wohnung in Sofia. Meine Frau kümmerte sich um ihre Eltern, ich musste irgendwie Geld verdienen, und so ging das mit dem Bulgarien-Journalismus los. Das ging aber so richtig nur, wenn ich die Sprache auch gut konnte, und so saß ich tagein-tagaus mit dem Wörterbuch da und guckte jedes Wort nach, das ich nicht wusste (also alle ;-)). Irgendwann meldete sich nach einem meiner Berichte über die Diskussion um einen bulgarischen Wende-Roman ein guter deutscher Verlag und fragte, ob ich das Buch übersetzen könnte? So wurde ich Übersetzer. Meine Frau und ich hatten uns inzwischen getrennt. Wo es auf solche diffizilen Feinheiten ankommt zum Überleben, stören sich zwei diffizile Menschen irgendwann mehr, als dass sie sich helfen, und da wir sowieso sehr gegensätzlich waren, haben wir uns lieber nicht zerfleischt, sondern getrennt. Wenn zwei eigenwillige WunderMenschen sich weiterhin respektieren wollen, müssen sie Abstand halten. Erst nach der Trennung konnte ich unbeeinflusst von ihr MEIN Bulgarien entdecken, weil ich erst jetzt frei gucken konnte, nicht mehr abgelenkt wurde von dem, was meine Frau für richtig und wichtig hielt.

WunderMensch: Wenn man hier etwas von Bulgarien oder überhaupt Südosteuropa hört, ist das Stichwort überwiegend „Einwanderung in das deutsche Sozialsystem“, du bist den umgekehrten Weg gegangen und hast fünfzehn Jahre in Bulgarien gelebt: Wieso das?

Thomas Frahm: Den akuten Grund für meine Übersiedlung habe ich ja genannt: Es war einfach ein Betreuungsfall der Schwiegereltern. Die Not war in Bulgarien zwischen 1990 und 2010 extrem groß. Viele Menschen verelendeten, und wenn nun CSU-Fritzen von „Einwanderung in das deutsche Sozialsystem“ reden, dann möchte ich mal sehen, was diese Maden im Speck täten, wenn ihnen das schöne Zuhause, der Dienstwagen, das gute Gehalt und alles genommen wird, und der nackte Hunger ihnen den letzten Speck aus dem Bierbauch wegnagt, bis sie nur noch Haut und Knochen sind. Dann reden wir weiter! Ich habe darüber nach langem Abwägen in meinem letzten Bulgarienbuch den Aufsatz „Armutsrivalität“ geschrieben. Aber zurück zu meinem Grund, in Bulgarien ZU BLEIBEN:
Durch den Zwang, Geld zu verdienen, merkte ich bald etwas, wovon jeder Schriftsteller nur träumen kann: Es heißt ja immer, alles sei schon bekannt, alles sei schon einmal geschrieben worden. Ich aber stieß dauernd auf Dinge, die niemand wusste, die niemand je gesehen, von denen niemand je gehört hatte, und wenn, dann nur in Klischeeform. Bald gefiel den Zeitungen und Radiosendern, für die ich schrieb, nicht mehr, dass ich nicht ihren Vorurteilen entsprechend schrieb, und so kloppte ich nach ein paar unguten Erfahrungen mit Redaktionen, die wollten, dass ich zufällig die richtige Meinung habe, nämlich ihre, den Journalismus in die Tonne, und übersetzte nur noch. Über all das, was ich in Bulgarien nicht begriff, fing ich an, Essays und Erzählungen zu schreiben und nebenher zu veröffentlichen.
Die deutschen Verlage haben es um die Zeit des EU-Beitritts von Bulgarien (2007) mit bulgarischen Autoren versucht. Als mein Hauptautor nicht den nötigen Erfolg hatte, war nach sieben guten Jahren auch die Übersetzerei keine Lebensgrundlage mehr, und ich musste meine Zelte abbrechen.

WunderMensch: Bist du deshalb 2015 nach Deutschland zurückgekommen?

Thomas Frahm: Ja. In den Worten vom Anfang dieses Frage-Antwort-Spiels gesagt: Ein Kreis hatte sich geschlossen, jetzt musste ich wieder linear weiter auf meinem Weg. Da ich nichts besaß, habe ich problemlos Hartz IV bekommen. Doch um das, was ich mir in Bulgarien erarbeitet und für mich entdeckt hatte, nicht einfach wegzuschmeißen, habe ich beschlossen, wieder Verleger zu werden. Ich habe so viel für andere und über andere gearbeitet, jetzt wollte ich auch mal an mich denken. Ich dachte: Thomas, du wirst langsam alt, mach es wie der Hamster oder das Eichhörnchen, leg dir Wintervorräte an. Und so begann ich, meine Texte zu sichten und zu überarbeiten und Bücher daraus zu machen. Ich wollte auch meine Gedichte mal gebündelt herausgeben, nur für mich, in drei Bänden. Drei ist meine Lieblingszahl. Wieso? Stellt mir jemand ein Ultimatum und sagt: „Entweder – Oder!!!“, denke ich automatisch: „Weder – Noch!“ …und mache etwas Drittes, das keiner auf der Pfanne hat. Wer frei bleiben will, muss immer das Überraschende tun. Beim Überarbeiten entstand, weil das Schöpferische einem Schöpfrad gleicht, bei dessen Drehung immer Neues mit hochkommt, sehr viel Neues, und so wurde aus dem Vorhandenen fast doppelt so viel, und neben den eigenen sechs, sieben Büchern wuchsen bald auch Pläne für ein ganzes Verlagsprogramm. Ich hatte ja auch Entdeckungen gemacht, von denen niemand etwas wusste.

WunderMensch: „Zerlegen“ wir Thomas Frahm mal in seine Elemente und betrachten als erstes den Autor. Am besten mit einer Doppelfrage: Wie bist du zum Schreiben gekommen, und was ist dir am Schreiben wichtig?

Thomas Frahm: Wie ich zum Schreiben kam, habe ich eben schon gesagt. Ich bin Kind geblieben in meinem unbändigen Mitteilungsdrang, und so ist mein ganzes Leben und Schreiben eigentlich ein ellenlanger Brief. Doch es gibt eine Entwicklung: Früher habe ich viel von dem mitgeteilt, was ich glaubte, verstanden zu haben. Die Zeit im Ausland, in Bulgarien, schärfte aber meine Aufmerksamkeit dafür, wie viel von dem, worin ich als Erlebender verwickelt bin, ich überhaupt gar nicht verstehe. Die Gedichte, die konnte ich einfach noch als Mitteilung schreiben in der Art: Guck mal, was ich gesehen habe, und so kam es mir vor … Nun reicht das nicht mehr! Nun stehe ich oft vor einem Rätsel und frage mich: Scheiße, Thomas, was ist da eigentlich passiert? Und warum lässt dich das nicht los? So begriff ich langsam, warum ich so große Probleme mit dem Erzählen hatte! Manche haben ja Spaß daran, sich Storys auszudenken, das sind die Fabulierwundermenschen. Ich wundere mich vorher, frage, was war da bloß?, und so lerne ich nun Erzählen, wie ein Baby das Sprechen, wie ein I-Dötzchen das Schreiben lernt. Ich bin jetzt bald 56 und komme mir vor wie ein Erstklässler im eigenen Leben!

WunderMensch: Auch wenn eine solche Frage Autoren immer wieder gestellt wird – was zeigt, dass die Antwort  das Publikum interessiert: Ist Schreiben Lust oder Last?

Thomas Frahm: Beides. Es ist die Lust, sich von einer Last zu befreien. Das kann selber eine Last sein. Aber wenn man weiß, wie man die Last packen und sprachlich aushebeln kann, kann es tolle Schwünge geben, und dann fühlt man sich wie ein Akrobat, den den Salto mortale macht, dabei aber intensiv fühlt: Es ist ein Salto VITALE.

WunderMensch: Noch eine andere Frage, die offenbar interessiert, denn sonst würde sie bei Lesungen nicht so oft gestellt: Wie sieht es mit dem Geldverdienen aus? Kann man, kannst du vom Schreiben leben?

Thomas Frahm: Ich habe fünfzehn Bulgarien-Jahre lang vom Schreiben und Übersetzen gelebt, ja. Es gab damals noch Zeitungen und Radiosender, bei denen man eine Chance bekam und genug zum Leben verdienen konnte. Auch einige Zeitschriften zahlten Honorare für Essays oder Geschichten. Heute ist es noch schwieriger geworden. Doch auch heute könnte ich, wenn ich nicht für meine arme Freundin und ihre Kinder in Bulgarien mit sorgen würde, auf Sparflamme von meinen Einkünften leben, denn die sind ja gemischt: Es gibt Buchverkäufe, ab und zu Honorare für Lesungen und Vorträge über Bulgarien. Durch meine Sprach-, Text- und Bulgarienkompetenz habe ich einige Lektoratsaufträge. Das würde reichen. Ich bin in der Künstlersozialkasse, meine Sozialversicherungsbeiträge liegen unter 100 Euro im Monat. Miete und Nebenkosten belaufen sich auf 350 Euro. Zum Leben inklusive aller kleinen Rechnungen brauche ich nicht mehr als 150 Euro. Ich komme also persönlich mit etwa 600 Euro monatlich alles in allem aus.

WunderMensch: Element zwei: der Verleger. Bevor du nach Sofia gingst, hattest du einen Verlag, nach deiner Rückkehr hast du mit dem Chora Verlag wieder einen gegründet. Das ist für einen Autor sicher nicht normal: Warum hast du es trotzdem getan?

Thomas Frahm: Von einem eigenen kleinen Verlag geträumt habe ich ja immer. Ich habe als Kind mit Nadel und Faden schon Blätter zusammengenäht, einen Karton als Umschlag inklusive, „Fadenheftung“ gemacht, und die Hefte dann vollgeschrieben. Meinen ersten Verlag habe ich gegründet, um meiner Frau, die auch Schriftstellerin war, Bücher machen zu können, die große Verlage nicht wollten. Jetzt mache ich dasselbe, nur eben bezogen auf mich und meine eigenen Pläne, denn ich bin zum Einwanderer im eigenen Leben geworden. Was ich schreibe, was mich beschäftigt und interessiert, können große Verlage mit ihren hohen Fixkosten für Angestellte, Lager- und Druckkosten, Vertreter, Buchhändler etc. einfach nicht machen, es rechnet sich für sie nicht. Für mich hingegen schon, weil ich eben nach dem Pusteblumen-Prinzip vorgehe. Was nicht wie von selbst schwebt, mache ich nicht. Das, was auf den ersten Blick von außen wie eine Verlegenheitslösung aussieht, ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Verteidigung meiner geliebten Freiheit. Ich nehme buchstäblich, wörtlich und tätlich mein Leben selbst in die Hand, und kann selber bestimmen, welche Bücher ich machen möchte, und wie sie aussehen sollen.

WunderMensch: Es hätte mich auch überrascht, wenn du jetzt gesagt hättest: „Um reich und berühmt zu werden.“ Auch wenn ich mir das für dich und deine Autoren wünschen würde. Deshalb aber hier wie eben schon einmal die Frage nach den Praxiserfahrungen: Lust oder Last?

Thomas Frahm: Sowohl entweder als auch oder! Neutral gesprochen ist es einfach ein Lebensinhalt – mein Lebensinhalt! Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, ob es Lust oder Last ist; wichtig ist, dass ich sagen kann: Ja, das will ich! Dafür lohnt es sich, auch mal den Arsch hochzukriegen und sich anzustrengen!

WunderMensch: Wieder zwei Fragen „im Block“; auch wenn ich weiß, dass sie eigentlich nichts miteinander zu tun haben: Braucht die Welt überhaupt Kleinstverlage wie Chora? Wie sind die Marktchancen?

Thomas Frahm: Die Welt braucht meines Erachtens gar nix – außer Ruhe vor hyperaktiven Machtmenschen und raffgierigen Spekulanten, die für ein paar Millionen über jede Leiche gehen und die Welt verschandeln! Daher vorsichtig geantwortet: Damit ein Mensch wie ich der Welt nicht auf die Nerven geht mit seinem Zeug, brauche erst einmal ich selbst den Verlag – als sinnvolle Beschäftigung. Der Verlag ist das Meer, in den die Flüsse meiner Ideen fließen. Dann habe ich aber gemerkt, dass über die armen Bulgaren niemand was Gutes sagt. Niemand außer mir. In Bulgarien bin ich auf dem Weg zu so ner Art Ikone. Und halte ich Lesungen vor Bulgaren hier in Deutschland, schaue ich oft in Gesichter, die verklärt sind vor Glück, weil ich ihnen auf bulgarisch und auf deutsch von Dingen erzählen kann, die sie zuletzt in der Schule gehört haben. Auf einmal fühlen diese Menschen sich nicht mehr wie der letzte Dreck, sondern wie ein von der Sonne beschienenes Staubkorn, das verdächtig golden funkelt. Die Marktchancen sind klein, aber vorhanden, weil es eben diese genannten Menschen gibt, die seelisch vor Einsamkeit vertrocknen, und für die meine Bücher Flüsse sind, aus denen sie trinken und in denen sie baden können.

WunderMensch: Wenn ich mir das Alles, was du sagst vor Augen führe, scheint die pragmatische Schlussfolgerung ins Wanken zu geraten, die so viele „vernünftige“ Menschen denken lässt: besser weder schreiben noch verlegen. Schön, dass du beides tust. Ich möchte im doppelten Sinne nicht auf deine Bücher verzichten müssen und bin gespannt auf die, die noch kommen. Und viele Leser, die auch Schreiber sind, sind sicher gespannt auf deine Antwort auf meine vorletzte Frage: Irgendwelche Tipps für (zukünftige) Schreiber?

Thomas Frahm: Nur einen: Lasst euch von niemandem einreden, was oder wie ihr zu schreiben habt, noch nicht einmal von euch selbst, denn wenn ihr nicht so leidet, dass es euch vor seelischem Druck die Sprache verschlägt, diktiert euch die Eitelkeit die Feder, der Wunsch, vor anderen anzugeben und toll dazustehen. Kann man machen, ist aber meist nix Dolles. Hilft für den Moment, dann sollte man es aber auch glücklich vergessen.
Denen, die einfach Lust am Fabulieren und Geschichtenerzählen haben, kann ich nichts raten, denn die werden halt einfach drauflos erzählen, weil sie so sind.
Wer aber verunsichert ist und sich fragt: Wer bin ich? Warum komme ich mit etwas nicht zurecht? Warum kann ich nicht mögen, was alle meinen, dass ich mögen MUSS?, der sollte sich, wenn er meint, er könne durch Schreiben etwas herausfinden, folgendes tun: Sich ganz stark vorstellen, er wisse nichts, verstehe nichts und könne nichts. Und wenn er schreibt, soll sich das anfühlen wie gehen lernen, sprechen lernen, sehen lernen, hören lernen usw. Na ja, ich kann ja als Tipp nur meine eigene Lösung als Antwort geben. Und ich meine: Schreiben ist ein großes Zuhören, eine Aufmerksamkeit aller Sinne und eine gespannte Geistesgegenwart.

WunderMensch: Letzte Frage: Gibt es auch den Leser Thomas Frahm? Und hat der – spontan – bitte: zwei Lesetipps; einmal aus dem Chora Programm, einmal „allgemein“?

Thomas Frahm: Das ganze CHORA Programm ist ja das, was ich persönlich für einen Lesetipp halte, klar, aber am glücklichsten war ich vielleicht, als ich, der Idiot des Erzählens, mein Geschichtenbuch „Träume ohne Schlaf“ hinbekam – nachdem ich jede Hoffnung aufgegeben hatte, dass es mir je gelingen könnte, das Erzählen…
Als anderen Lesetipp:
Für WunderMenschen auf jeden Fall den Roman DIE MÜSSIGGÄNGER des ungarischen Einwanderers Akos Doma (sprich: Akosch…), erschienen 2001 beim Rotbuch Verlag. Da erzählt Doma von einem Mann, der sich einfach weigert, nützlich zu sein. Am Ende des Buches steht ein toller Absatz, der wie gemacht ist für Menschen, die nicht nur für einen WunderMenschen gehalten werden, sondern sich auch selber wie einer fühlen wollen. Für mich war diese Stelle wie ein Glaubensbekenntnis, das mich vor dem Wahnsinn der Besserwisser und Allesversteher bewahren hilft:
„Irgendwo in der Nähe, auf der Wiese, zu der der Garten in dem halben Jahr seit dem Winter verkommen ist, schreit ein Säugling. Zwei Arme heben ihn hoch, über das Gras, recken ihn nackt in die Sonne des Nachsommers. Er fährt mit dem Geschrei fort, ich lausche eine Weile, dann sage ich auch etwas. Auf diese Weise unterhalten wir uns miteinander, das Kind und ich, mutig und ehrlich, ohne etwas zu verschweigen. Es kommt nicht oft vor, dass ich ein Gespräch führen kann, ohne Gefahr zu laufen, verstanden zu werden, geschweige denn, etwas zu verstehen. So bilde ich mich fort, erkenne von neuem Unwissenheit und Widersinn, es ist ein Studium, bei dem man nie auslernt.“
(Akos Doma, Der Müßiggänger. Roman. Hamburg: Rotbuch 2001, S. 347 f.)

Danke lieber Thomas für dieses Interview und an dich Michael, dass du dieses Interview geführt hast!

Wundermenschlichste Grüße,
Anna

Ein Kommentar zu „WunderMensch im Chora-Verlag: Thomas Frahm ist ein Multitasking-Talent-Wunder

  1. Hey Anna!
    Sehr spannend zu lesen! Vielen Dank an euch. 🙂
    Michael könnte sich ja auch mal als Interviewter zur Verfügung stellen, aber das vermeidet er sicherlich. Schade. Was ist sonst mit Franziska Röchter vom Chili-Verlag? Meiner Meinung nach eine richtige Powerfrau 😉
    LG Rabea

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